Schützender Raum und Sprungbrett in ein anderes Leben

Jim Tobias stellte das „Internationale Kinderzentrum Aglasterhausen“ auf dem Schwarzacher Hof vor

12.11.2017

Eingang zum Internationalen Kinderzentrum der UNRRA auf dem Schwarzacher Hof

Ein fast vollkommen unbekanntes Kapitel in der Geschichte des Schwarzacher Hofes, seit den 30er Jahren Teil der Mosbacher Johannes-Anstalten, schlug Jim Tobias am 10. Und 11. November 2017 in zwei Vorträgen in Mosbach und Schwarzach auf.
Schon länger haben Heimathistoriker erforscht, dass vom Schwarzacher Hof aus behinderte Menschen im Rahmen des  sogenannten  NS-„Euthanasie“-Programms abgeholt und ermordet worden waren, auch war bekannt, dass der Schwarzacher Hof für einige Monate als Betriebskrankenhaus von Daimler-Benz im Rahmen des Projekts „Goldfisch“ gedient hatte.
Doch die Geschichte unmittelbar danach, von  1945 bis 1948, bildete einen weißen Fleck der Erinnerungsgeschichte. Fast unglaublich, wenn man bedenkt, dass insgesamt 600 jüdische und nichtjüdische Kinder, durch Krieg und Holocaust versprengt, verwaist und „übriggeblieben“,  hier eine vorübergehende Heimstatt fanden.
Jim Tobias, Begründer des „Nürnberger Instituts  für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts“, stellte zunächst die Kinderzentren allgemein vor, die die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) 1945  in der amerikanischen Besatzungszone einrichtete. Sie boten den an Leib und Seele verletzten Kindern aus allen Ländern Europas nicht nur Schutz, Nahrung, medizinische Betreuung und Geborgenheit, sondern auch Bildung – vor allem die jüdischen Kinder hatten meist nie eine Schule besucht.
Der Schwarzacher Hof war eines von siebzehn dieser Zentren. Er wurde für die dort untergebrachten Kinder aus Polen, Estland, Lettland, Frankreich und anderen Ländern zum Sprungbrett in ein neues Leben, sei es durch Rückkehr in die Heimatländer, durch Vermittlung in Adoptivfamilien oder Auswanderung nach Übersee oder nach Israel. Demnächst wird Jim Tobias dazu ein Buch veröffentlichen – eine kurze Zusammenfassungseiner Forschungsergebnisse findet sich auf der Website des Instituts sowie hier.