Auf dem Weg zur historisch-pädagogischen Partnerschaft?

Ludwigsfelde und Obrigheim planen Verbindung

30.05.2016

Was verbindet den Ort Ludwigsfelde in Brandenburg mit dem Elzmündungsraum? Dort Berliner »Speckgürtel« mit Hauptstadt-Anbindung, hier ländlicher Raum – auf den ersten Blick gibt es wenig Gemeinsames. Die Verbindungslinie führt in die Vergangenheit: in Ludwigsfelder Teilort Genshagen lag das Daimler- Benz-Motorenwerk, das 1944 zu großen Teilen unter dem Tarnnamen »Goldfisch« in die Obrigheimer Gipsstollen verlagert wurde.

Auf der Spur dieser gemeinsamen Geschichte reiste eine fünfköpfige Delegation des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz (Bernhard Edin, Georg Fischer, Christa und Herbert Gareis sowie Vereinsvorsitzende Dorothee Roos) Ende Mai nach Brandenburg, für einen Tag stieß noch der Obrigheimer Bürgermeister Achim Walter dazu. Denn es ging nicht nur um historische Aufarbeitung, sondern auch um die Frage, ob nicht eine Art von »Geschichtspartnerschaft« die beiden Gemeinden künftig verbinden könnte. Wegen seiner Auswanderung nach Thailand nicht mit dabei sein konnte der frühere Vorstandsaktive und geistige Vater der Idee, Stefan Müller aus Neckarelz.

Vor den »offiziellen« Gesprächen erkundete man zunächst unter der Führung von Stadtarchivarin Ines Krause das weitläufige ehemalige Daimler-Gelände. Dort wurden, gut getarnt mitten im Kieferforst, zwischen 1936 und 1944 rund 100 Fabrikgebäude errichtet, das größte davon, die gigantische »Deutschlandhalle«, umfasste allein 28.000 m. Von ihr ist nur eine Brachfläche geblieben; vom Kesselhaus und den Motorenprüfständen sah die Gruppe hingegen eindrucksvolle Beton-Ruinen.

Nach dem Krieg ließen die russischen Besatzer die Daimler-Fabrikhallen sprengen, dennoch blieb Genshagen bzw. Ludwigsfelde auch zu DDR-Zeiten ein wichtiger Industrie-Standort. Es gab Reparaturwerke, weiterhin Motoren- und Triebwerkproduktion, vor allem aber Lastwagenbau und Motorroller-Fertigung. Nach der Wende kehrte Daimler-Benz nach Ludwigsfelde zurück, im Nordteil des alten Werksgeländes werden heute die »Sprinter«-Fahrzeuge produziert, weitere Betriebe siedelten sich an.

Von der dreiphasigen Industriegeschichte der noch jungen Stadt Ludwigsfelde, die sich der Ansiedlung Tausender Daimler-Arbeiter in den dreißiger Jahren verdankt, zeugt das Stadt- und Technikmuseum im alten Bahnhof. Zum Rundgespräch im Museum stießen der Ludwigfelder Bürgermeister Andreas Igel sowie mit Dietrich Carow und Jan Léfrenz zwei sehr gute Kenner der lokalen Industriegeschichte zur Delegation hinzu.

Die Gesprächspartner vereinbarten zunächst den Austausch von Dokumenten, Forschungsergebnissen und Publikationen sowie weitere Kontakte. Ein Gegenbesuch in Obrigheim und Neckarelz soll organisiert werden, möglicher Weise verbunden mit dem Besuch von Schülern oder auch Lehrlingen von Daimler. Denn die »historische Partnerschaft«, hier waren sich die beiden Bürgermeister mit den anderen Gesprächsteilnehmern einig, muss in der Gegenwart durch Jugendaustausch und pädagogische Projekte mit Leben erfüllt werden, wenn sie nachhaltig sein soll. Hierzu sollen in den nächsten Wochen konkrete Vereinbarungen getroffen werden.

Als Geschenk ans Museum überreichte Dorothee Roos im Auftrag von Stefan Müller die Federzeichnung eines Daimler-Verwaltungsgebäudes, die 1944 mit »Goldfisch«-Ingenieur Eugen Weber von Ludwigsfelde an den Neckar gereist war. Sie hing lange Jahre im Hause seines Sohnes Karl E. Weber in Diedesheim; nun kehrte sie nach Ludwigsfelde zurück.

Besichtigungen der ehemaligen Daimler-Werkssiedlungen sowie von Erinnerungszeichen an Zwangsarbeiter und KZ-Häftlingsfrauen, die in Ludwigsfelde unter miserablen Bedingungen arbeiten mussten, vervollständigten die Eindrücke, die die Gäste mit nach Hause nahmen.