Eine Schule wird KZ

Geheimprojekt "Goldfisch"

Montagehalle in Genshagen
Montagehalle im Motorenwerk Genshagen. Foto: Daimler Classic, Archive

Das KZ Neckarelz und die weiteren KZ-Lager der Region entstanden im Jahr 1944, als eine kriegswichtige Fabrik nach Obrigheim am Neckar verlagert wurde.

Im Frühjahr 1944 hatten die Alliierten, also die verbündeten Gegner Nazi-Deutschlands, die Bombenangriffe auf das Reichsgebiet verstärkt. Ziele waren nicht nur die deutschen Städte, sondern auch Industrieanlagen. Im Februar/März 1944 flogen die alliierten Streitkräfte im Rahmen der sogenannten „Big Week“ über 900 Angriffe auf die deutsche Luftrüstung. Am 6.März 1944 schlugen auch im Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerk Genshagen bei Ludwigsfelde (20 km südlich von Berlin) die ersten Bomben ein.

Diese Fabrik war für die NS-Luftwaffe lebenswichtig. Denn die Hälfte aller „Jäger“, also der Flugzeuge für den Luftkampf, flogen mit Daimler-Motoren; das Werk Genshagen war die größte deutsche Flugmotorenfabrik.

Deshalb wurde Anfang März 1944 beschlossen, die gesamte mechanische Motorenfertigung unter die Erde zu verlegen.

Als neuer Standort wurde die Gipsgrube bei Obrigheim/Neckar ausgewählt. Das Projekt erhielt den Tarnnamen „Goldfisch“.

Ein KZ entsteht

Die Grundschule in Neckarelz - 1944/45 KZ Neckarelz I. Foto: Heuberger
Stube 3 im KZ Neckarelz Schule. Zeichnung: Jacques Barrau

Für den Ausbau der Gipsstollen wurden zunächst 500 KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau nach Neckarelz überstellt. Sie wurden in der Volksschule des Dorfes untergebracht. Das neue KZ-Lager Neckarelz gehörte als Außenlager zum Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass.

Die Volksschule lag etwa zwei Kilometer von der Gipsgrube in Obrigheim entfernt, so dass die Häftlinge den Weg dorthin durch den Ort und über die Neckar-Eisenbahnbrücke zu Fuß zurücklegen konnten. Direkt gegenüber dem Schulgebäude befand sich das Gasthaus „Alpenrose“, ein Tanzlokal, das fortan als Unterkunft für die Wach­mannschaften diente.

Die Häftlinge mussten nach ihrer Ankunft die Schule in ein Konzentrationslager verwandeln, das Material dafür wurde gleichzeitig mit ihnen angeliefert.

  • Sie zogen einen Stacheldraht­zaun um das Areal und statteten die sechs Klassenzimmer, von denen jedes etwa 70 m² maß, mit zweistöckigen Holzpritschen aus.
  • Am Eingang des Lagers wurde das Schild „Arbeitslager Neckarelz“ an­gebracht.
  • Im Keller des Schulhauses wurde die Schreibstube, die Küche und eine Krankenstube („Revier“) eingerichtet.
  • Der Schulhof diente als Appellplatz.
  • Dort lag auch das Toilettenhäuschen mit fünf einfachen Toiletten und zehn Wasserhähnen über einem Blechtrog, in die das ungefilterte Wasser der Elz eingeleitet wurde. Die unzu­reichenden hygienischen Bedingungen wurden bald Ursache für den Ausbruch von Krankhei­ten.

Im Lauf des Jahres 1944/45 wurden beim Lager Neckarelz I (Schule) weitere Hilfsgebäude auf dem Schulhof errichtet. Die zu­nehmend schlechteren Lebensbedingungen der Häftlinge ließen die Zahl der Kranken ansteigen. Die ansteckend Kranken wurden in vier kleinen Baracken auf dem Hof einquartiert. In weiteren Baracken waren einige Werkstätten untergebracht.

Die Häftlinge

Von den 500 Häftlingen des ersten Transports stammten 130 aus der Sowjetunion, 83 aus Polen, 72 aus Jugoslawien 71 aus Deutschland und Österreich, 53 aus Italien, 51 aus Frankreich, 17 aus der Tschechoslowakei, 7 aus den Niederlanden, 5 aus Kroatien, 4 aus Belgien  je 3 aus Griechenland und Spanien sowie einer aus Litauen. Später wurde die Mischung der Herkunftsländer noch vielfältiger, die Gefangenen kamen aus über 30 Nationen. Bald reichte das Schulhaus nicht mehr aus ... 

Eine Berührung zwischen den Häftlingen und den rund 1.700 Bewohnern des Dorfes Neckarelz war durch die Lage der Schule unvermeidlich, auch wenn die Wachmannschaf­ten dies zu verhindern suchten. Ein direkter Kontakt entstand zudem zwischen der Haus­meisterfamilie der Volksschule und den Häftlingen des Lagers. Da für die Familie keine neue Unterkunft gefunden werden konnte, blieb die Familie Horber im dortigen Obergeschoss wohnen und wurde Zeuge der Lebens- und Alltagsbedingungen der Gefangenen.

Die Kommandanten

Als erster Kommandant des Lagers Neckarelz wurde am 15. März 1944 der SS-Obersturmführer Franz Hössler eingesetzt; er war der bis dahin "Erster Schutzhaftlagerführer" im Frauenlager Auschwitz gewesen war. Seine Aufgabe war es, die Organisation des Lagers und vor allem den Arbeitseinsatz der Häftlinge reibungslos zu gestalten. Mitte Mai wurde Hössler nach Auschwitz zurückbeordert und durch SS-Hauptsturmbannführer Franz Hofmann ersetzt. Unter dem neuen Lagerführer ver­schlechterten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge zunehmend. Das hing mit der ständig steigenden Häftlingszahl zusammen, aber auch mit der Entwicklung des Lagers zum Lagerkomplex.

Fast alle Hinrichtungen in den Neckarlagern fallen in die Zeit, als Hofmann Kommandant war.

Mitte Oktober 1944 wurde Franz Hofmann erneut versetzt. Neuer Kommandoführer wurde bis zur Auflösung des Lagers der Hauptmann der Luftwaffe Wilhelm Streit. Unter seiner Führung nahmen die direkte Gewalt gegenüber den Häftlingen ab, doch forderten der Winter und die zunehmende Erschöpfung der Menschen immer mehr Opfer.

historische Aufnahme SS-Obersturmführer Franz Hössler
SS-Obersturmführer Franz Hössler
historische Aufnahme SS-Hauptsturmbannführer Franz Hofmann
SS-Hauptsturmbannführer Franz Hofmann
Historische Aufnahme Hauptmann der Luftwaffe Wilhelm Streit
Hauptmann der Lufwaffe Wilhelm Streit
 

Entwicklung bis zum Kriegsende

Für das Projekt „Goldfisch“ wurden ständig mehr Bauhäftlinge gebraucht. 900 Häftlinge kamen im April aus dem KZ Groß-Rosen, weiter 600 im Mai aus dem Lager Sachsenhausen, am 23. Juli weitere 1.000 aus Dachau, über 600 im August und September aus dem elsässischen Natzweiler-Außenlager Wesserling, daneben gab es noch kleinere Transporte aus unterschiedlichen Lagern aus dem gesamten Reich. Für diese Häft­linge mussten weitere fünf Lager eingerichtet werden.

Als am 28.3.1945 die Lager um Neckarelz aufgelöst wurden und die Gefangenen auf verschiedenen Wegen in das KZ Dachau ver­bracht werden sollten, hatten über 5.000 Häftlinge die Neckarlager durchlaufen.