Die Firma Goldfisch The Goldfish Company

Geschichte einer unterirdischen Rüstungsfabrik History of an Underground Armament Factory

Ursachen und Interessen Causes and Interests

historische Aufnahme Produktionshalle Motorenfabrik Genshagen
Produktionshalle des Motorenwerks Genshagen (30er Jahre). Foto: Mercedes-Benz Classic, Archive

Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 begann die Wiederaufrüstung Deutschlands. Der Diktator plante einen neuen Krieg, der die Schmach der Niederlage von 1918 vergessen machen sollte.

After Hitler seized power in 1933, the rearmament of Germany began. The dictator plannned a new war, a war that would make everyone forget the disgraceful defeat of 1918.

Dabei setzten die NS-Führung und die Militärs auf eine starke Luft­waffe. Dies eröffnete auch für die großen Technologiekonzerne wie z.B. Daimler-Benz neue Chancen. So entstand südlich von Berlin als Teil der Kriegsvorbereitungen des Deutschen Reiches das Flugzeugmotorenwerk Genshagen der Daim­ler-Benz Motorengesellschaft. In dieser hochmodernen Rüs­tungsfabrik wurden ab 1941 die Zwölfzylindermotoren DB 603 und 605 her­gestellt − Spitzenprodukte der Rüstungstechnologie.

The Nazi leaders and the military were depending on a strong air force. This opened new opportunities for technology companies like Daimler-Benz. That is why the Daimler-Benz Motorengesellscaft opened the airplane engine factory in Genshagen, south of Berlin, as part of the war preparation of the German Reich. At the beginning of 1941, in this ultra modern armamemt factory, the twelve cylinder motors  DB 603 an 605 were produced - top products of arms technology.

Der 1939 begonnene Krieg brachte zunächst schnelle Siege. Als sich jedoch im Winter 1942/43 das Kriegsglück gewendet hatte, gewannen bis 1944 die Alliierten die Lufthoheit über dem deutschen Reichsgebiet. Damit nah­men Bombenangriffe auf die Rüstungsbetriebe zu. Anfang März 1944 wurde im Rahmen der Angriffswelle der „Big Week“ auch die Fabrik in Genshagen erstmals getroffen.

The war that had begun in 1939 initially brought quick victories. In the winter of 1942/43 however, the fortunes of the war began to turn, and in 1944 the allies won sovereignty over German airspace. Bomb attacks on the armaments factories increased. The factory in Genshagen was first hit at the beginning of March 1944, during  the wave of attacks known as the "Big Week".

Mehr denn je war es für Nazi-Deutschland wichtig, Flugzeuge für den Luftkampf in großer Zahl zu produzieren. Dafür war am 1. März 1944 ein eigener militärischer Stab („Jägerstab“) gegründet worden; er bildete eine Schnittstelle zwischen Luftwaffe, Rüstungsministerium, SS und Industrieunternehmen. Er sollte die „Verteilung“ der Produktion auf verschiedene Orte und die „bombensichere“ Verlagerung in unterirdische Räume organisieren.

Now more than ever, it was important for Nazi-Germany to produce a large number of airplanes for air combat. In order to accomplish this, they put together their own military staff ("Jägerstab") on March 1, 1944. It created an interface between the air force, the armament ministry, the SS and industrial companies. They were to organize the "distribution" of production to the various locations, as well as the relocation to underground "bombproof" spaces.

Weil durch den Krieg Arbeitskräfte äußerst knapp waren, konnte das Verlagerungspro­gramm nur verwirklicht werden, indem die SS „Schutzhäftlinge in ausrei­chendem Maße als Hilfskräfte für Bau und Fertigung“ einsetzte.

As a result of the war, there was a great shortage of workers. The relocation program could only be realized if the SS deployed as many "prisoners in protective custody as needed to work at the construction sites and in manufacturing." 

Für die Flugzeugmotorenproduktion von Daimler-Benz Genshagen wurden als die Gipsgruben „Friede“ und „Ernst“ am Uferhang des Neckars bei Obrigheim als neue Standorte bestimmt. Sie waren ausreichend groß und leicht um- und auszubauen. Außerdem lagen sie verkehrsgünstig an der damals noch existierenden Bahnlinie Heidelberg-Mosbach über Sinsheim-Aglasterhausen-Obrigheim und an der Wasserstraße des Neckar.

The "Friede" and "Ernst" gypsum mines located on the banks of the Neckar near Obrigheim, were chosen as the new locations for the airplane engine production of Daimler-Benz´s Genhagen plant. The mine was large enough, and easy to convert and expand. Furthermore, it was conveniently situated on the train line that existed at the time - Heidelberg-Mosbach via Sinsheim-Aglasterhausen-Obrigheim and on the waterway of the Neckar. 

Die Projekte erhielten die SS-Bezeichnung „A 8“ / „A 8 b“, später die Tarnnamen „Goldfisch“ und „Brasse“. Um die KZ-Häftlinge unterzubringen, wurde zunächst in der Schule von Neckarelz ein Außenkommando des Konzentrationslagers Natzweiler eingerichtet. Später kamen noch weitere KZs in der Region hinzu.

The project was given the SS-name "A8"/"A8b", later the code names "Goldfish" and "Brasse" (bream). In order to accomodate the concentration camp prisoners,  a satellite camp of the Natzweiler concentration camp was set up at the Neckarelz school. Later on, more concentration camps were set up in the area.

 

PHOTO: Production hall of the Genshagen engine plant (1930´s) 

            Mercedes-Benz classic, archiv


Bauarbeiten: die Leiden der KZ-Häftlinge Construction Work: The Suffering of the Concentration Camp Prisoners

Zeichnung: jacques Barrau

Innerhalb von nur sieben Wochen sollte aus dem Gipsstollen eine unterirdische Fabrikhalle werden. Obwohl sich das schnell als Illusion herausstellte – im Grunde wurde gebaut, so lange „Goldfisch“ bestand - zeigt dies den ständigen Termindruck. Die Bauleitung teilten sich SS und Daimler-Benz, das Bauvolumen betrug 3,8 Millionen Reichsmark.

In a mere seven weeks, the gypsum mine was to be turned into an underground factory building. Although this would soon prove to be an impossibility - essentially construction would continue as long as "Goldfish" existed despite the constant deadline pressure. The construction management was shared by the SS and Daimler-Benz, and the construction volume bore the cost of 3,8 million Reichmarks.

Schon Mitte März 1944 transportierte die SS die ersten 500 KZ-Häftlinge aus Dachau an. Sie hatten die Baustelle einzurichten und sollten die „Planierungsar­beiten“ beginnen, denn der Boden des Gipsstollens musste für die Maschi­nen erst betoniert werden. Schon bald wurde deutlich, dass ihre Arbeitskraft nicht ausreichte. Neue Häftlinge wurden angefordert, um die Termine annähernd einhalten zu können: ab Sommer 1944 sollte „Goldfisch“ Flugzeugmotoren liefern.

As early as mid March 1944, the SS transported the first 500 prisoners from Dachau. They were to set up the construction site, and were to begin with the "excavation and levelling work", because the floor of the gypsum mine had to be filled with concrete before the machines were to be placed. It would soon become evident that their labour would not suffice. New prisoners were requested, so that the deadlines could be more or less adhered to: "Goldfish" was to deliver airplane engines beginning in the summer of 1944.

Die Baufirma Hochtief rechnete mit 470 Tonnen Baueisen und 270 Tonnen Maschineneisen. Geplant wurde die Verarbeitung von 440 Festmeter Bundholz und 870 Kubikmeter Schnittholz. Insgesamt sollten 270.000 Zie­gelsteine und 3200 Tonnen Zement verarbeitet werden. Dies geschah im traurigen und wahrsten Sinn des Wortes auf dem Rü­cken der KZ-Häftlinge. Sie mussten unter Schlägen und Drohungen die gesamte Infrastruktur der Fabrik herstellen und dafür - völlig unzureichend ernährt und gekleidet - in Tag- und Nacht­schichten arbeiten.

The construction company Hochtief anticipated 470 tons of construction iron and 270 tons of machine iron. It was planned that 440 solid cubic meters of lumber and 870 cubic meters of sawn timber would be processed. In total, 270,000 bricks and 3,200 tons of cement were to be processed. This took place sadly, and literally on the backs of the concentration camp prisoners. They had to set up the complete infrastructure of the factory while constantly being beaten and threatened - all the while being insufficiently nourished and inadequately clothed-and working both the day and night shifts.

Im Außenbereich des Stollens bauten sie weitere Anlagen: ein Materiallager, eine Heizanlage für den Stollen („Kesselhaus“) sowie eine Umschlaghalle für die fertigen Motoren.

Further facilities were built outside the gallery. A material storage, a heating system for the gallery ("Kesselhaus"), as well as a transshipment hall  for the completed engines.

Im September und November 1944 stürzten Teile der Stollendecke ein und begruben Menschen und Maschinen. Auch andere Arbeitsunfälle waren häufig, da es insbesondere für die KZ-Häftlinge praktisch keine Sicherungsmaßnahmen gab.

In September and November 1944, part of the gallery´s roof collapsed and buried both people and machines. Other workplace accidents occurred frequently, especially for the concentration camp prisoners who had practically no safety measures.

 

Drawing: Jacques Barrau

Motorenproduktion Engine Production

Anfang Mai 1944 wurde von der SS und den Planungsingenieuren von Daimler-Benz in Mosbach das „Büro Melzer“ eingerichtet, um die Verlagerung von Maschinen und Menschen aus Genshagen in den Stollen zu organisieren. Der Umzug sollte Mitte Juni beendet sein: In den unterirdischen Werkshallen sollte alle 2.000 Maschinen möglichst nach dersel­ben Ordnung wie im Werk Genshagen aufgestellt werden. Tatsächlich trafen die ersten 21 Maschinen aus Genshagen am 26. Juni 1944 im Bahnhof Neckarelz ein. Parallel dazu kamen auch Menschentransporte aus Genshagen, denn die Ar­beitskräfte wurden ebenso verlagert wie die Maschinen. Insgesamt strömten knapp 5.000 „Gefolgschaftsmitglieder“ (Zwangsarbeiter und freie Arbeiter) in die Region. Damit beschäftigte „Goldfisch“ insgesamt 10.000 Menschen: 5.000 KZ-Häftlinge und ebensoviele weitere Arbeitskräfte. Doch wieder dauerte alles viel länger als geplant.

At the beginning of May 1944, the "Melzer Office" was set up in Mosbach by the SS and the planning engineers from Daimler-Benz, in order to organize the transfer of both machines and people from Genshagen to the gallery. The move was to have taken place by the middle of June: All 2,000 machines were to be set up in the underground production shops so as to resemble the same system as in the Genshagen plant. The first 21 machines from Genshagen actually arrived at the Neckarelz train station on June 26, 1944. At the same time transports from Genshagen carrying people arrived, as they, too were to be transferred just like the machines. In total, almost 5,000 "loyal followers" (forced labourers and free workers) poured into the region. "Goldfish" engaged a total of 10,000 people: 5,000 concentration camp prisoners and the same number of additional workers. However, everything still took much longer than planned.

Als die Verlagerung im Frühherbst 1944 endlich abgeschlossen war, wurde die Produktion aufgenommen. Erst Anfang Oktober 1944 war die Fertigungstechnik in „Goldfisch“ so weit, dass die ersten vollständig untertage hergestellten Motoren ausgeliefert werden konnten. Monatlich sollten bis zu 500 Motoren neu gebaut und etwa 350 in der Rück­montage-Abteilung repariert und instandgesetzt werden. Diese Soll-Leistungen konnten jedoch nicht erbracht werden; für den Winter befürchtete sogar die SS einen katastrophalen Produktionsrückgang

When the transfer was finally completed in early fall 1944, the production began. It wasn´t until the beginning of October 1944, that the production technology in "Goldfish" was so far that the first engines to be completely produced underground could be delivered. Every month, up to 500 new engines were to be built, and about 350 in the reassembly-department were to be repaired and refurbished. This nominal output could however never be produced; The SS feared a catastrophical decline in production for the winter.

Im Herbst 1944 wurde von Daimler-Benz zusätzlich die Rückverlagerung von Ma­schinen aus dem Werk „Rochen“ aus Dubnica / Slowakei durchgesetzt und eine Teilverlagerung des Werkes Sindelfingen vorbereitet. Immer mehr Maschinen, die für die unmittelbare Produktion der Motoren gar nicht gebraucht wurden, wurden in den Stollen „Goldfisch“ und vor allem „Brasse“ untergestellt. Damit plante Daimler-Benz bereits für die Nachkriegszeit.

In the fall of 1944, the retrodisplacement of machines from the "Rochen" plant in Dubnica/Slovakia was pushed through by Daimler-Benz, as well as the  partial relocation of the Sindelfingen plant. More and more machines that would never be used for the immediate production of engines, were stored in the "Goldfish" and especially in the  "Brasse" galleries. Thereby, Daimler-Benz was already planning for the postwar period.


Das Ende von Goldfisch The End of Goldfish

Amerikanische Offiziere inspizieren nach Kriegsende die verlassene unterirdische Fabrik "Goldfisch". Foto: NARA

Versorgungsprobleme und die ungünstige Kriegslage mit dauernden Bombenangriffen brachten im Februar 1945 die Produktion zum Erliegen, ab Mitte März wurden Arbeiterinnen und Arbeiter „abgestoßen“.

In February 1945, the constant bomb attacks, the unfavorable war situation as well as supply problems all brought production to a standstill. Beginning mid March, all the workers were "released".

Ende März 1945 konnte verhindert werden, dass der Be­fehl Hitlers, alle Industrieanlagen zu zerstören, bei „Goldfisch“ umgesetzt wurde. Lediglich die Eisenbahnbrücke über den Neckar wurde gesprengt. Am 2. April 1945 besetzten amerikanische Einheiten das Neckartal und erkundeten sogleich die unterirdische Fabrik.

Hitlers order that all production plants be destroyed was able to be prevented in the case of "Goldfish". Solely, the train bridge over the Neckar was blown up. On April 2, 1945, American troops occupied the Neckar valley and immediately investigated the underground factory.

Nach dem Krieg wurde die beschlagnahmte Gipsgrube an die Firma Portland Zement zurückgegeben. Bis heute baut deren Nachfolgefirma HeidelberCement in den Bergen am Neckarufer Gips ab.

After the war, the seized gypsum mine was returned to the Portland Cement companz. Still today, their successor, Heidelberg Cement mines gypsum from the hills on the banks of the Neckar.

PHOTO: After the war, American officers inspect the abandoned underground "Goldfish" factory.